Ich arbeite allein. Es gibt keine Entwicklungsabteilung, keinen Vertrieb, keine Marketingabteilung, keinen Helpdesk und niemanden, dem ich eine Aufgabe einfach auf den Tisch legen kann, wenn mein eigener Tag schon voll ist. Gleichzeitig betreibe ich mehrere Websites, entwickle Software, arbeite an technischen Systemen, kümmere mich um Kunden, Vertrieb, Inhalte und den weiteren Aufbau meines Unternehmens.
Das klingt zunächst nach einem offensichtlichen Kapazitätsproblem, und genau das ist es auch. Ein Einzelunternehmer besitzt nun einmal nur eine begrenzte Anzahl Arbeitsstunden, unabhängig davon, wie viele Ideen oder Aufgaben gleichzeitig vorhanden sind.
KI hebt diese Grenze nicht auf. Sie verändert aber zunehmend, wie viel meiner eigenen Zeit direkt an die operative Durchführung einer Aufgabe gebunden ist.
Genau darin liegt für mich einer der interessantesten wirtschaftlichen Effekte von ChatGPT, Codex und Automatisierung.
Früher bedeutete jede neue Aufgabe automatisch mehr eigene Arbeitszeit
Wenn ich eine neue Funktion entwickeln wollte, musste ich sie selbst programmieren. Wenn eine Website angepasst werden sollte, musste ich die Änderung selbst durchführen. Wenn ich ein neues Angebot entwickeln wollte, musste ich mir die Struktur überlegen, Texte erarbeiten, technische Konsequenzen prüfen und anschließend alles umsetzen.
Viele dieser Arbeiten konnte ich natürlich nacheinander erledigen, aber sie konkurrierten immer um dieselbe Ressource: meine Zeit.
Das war nicht unbedingt ineffizient, sondern schlicht die normale Konsequenz daraus, allein zu arbeiten.
Heute kann ich einen Teil dieser Tätigkeiten voneinander entkoppeln. Mehrere KI-Arbeitsstränge können parallel weiterlaufen, während ich mich selbst bereits mit einem anderen Thema beschäftige. Dadurch wächst nicht meine persönliche Arbeitszeit, sondern die Menge an operativer Arbeit, die außerhalb dieser Zeit stattfinden kann.
Dieser Unterschied ist für mich wichtiger als die Frage, ob Codex eine bestimmte Funktion zwanzig oder vierzig Prozent schneller schreibt als ich.
ChatGPT erweitert vor allem meine Denk- und Vorbereitungskapazität
Bei ChatGPT besteht der Vorteil häufig nicht darin, dass mir eine fertige Entscheidung abgenommen wird. Das möchte ich in vielen Fällen ausdrücklich gar nicht.
Interessanter ist, dass ich Ideen wesentlich schneller und gründlicher auseinandernehmen kann.
Bei größeren Themen lasse ich mir sehr viele Fragen stellen, prüfe verschiedene Möglichkeiten und erzeuge anschließend eine strukturierte Spezifikation. Dadurch kann ich Konzepte vorbereiten, ohne jede Überlegung mühsam alleine gegen mich selbst diskutieren zu müssen.
Für einen Einzelunternehmer ist dieser Sparringspartner-Effekt enorm wertvoll.
Das gilt nicht nur für Software. Auch geschäftliche Ideen, Angebote, Websites oder Prozesse können zunächst ausführlich hinterfragt werden, bevor ich Zeit in ihre Umsetzung investiere.
Deshalb nutze ich KI inzwischen längst nicht mehr nur zum Programmieren, sondern zunehmend auch für die Weiterentwicklung meines Unternehmens.
Codex verschiebt die Grenze zwischen Entscheidung und Ausführung
Noch größer wird der Effekt bei Codex, weil dort nicht nur gedacht oder geschrieben, sondern tatsächlich technische Arbeit ausgeführt wird.
Wenn ich eine Aufgabe sauber vorbereitet habe, kann Codex Teile der Umsetzung übernehmen, während ich selbst etwas anderes erledige. Das kann eine Änderung an einer Software sein, eine Website, eine Linux-Konfiguration oder Arbeit an realer Infrastruktur und Hardware.
Damit verschiebt sich meine eigene Tätigkeit zunehmend auf die Stellen, an denen meine Entscheidung tatsächlich notwendig ist.
Ich muss festlegen, welches Ziel verfolgt wird, welche Regeln gelten und welche Risiken akzeptabel sind. Ich muss Ergebnisse beurteilen und bei produktiven Änderungen Verantwortung übernehmen.
Ich muss aber nicht zwingend jeden einzelnen technischen Schritt selbst durchführen.
Für einen Einzelunternehmer verändert genau das die verfügbare Kapazität.
Ich möchte daraus bewusst kein künstliches Team machen
Bei dieser Arbeitsweise wird schnell von „virtuellen Mitarbeitern“ oder einem „KI-Team“ gesprochen. Für meine Situation finde ich diese Begriffe eher irreführend.
ChatGPT und Codex sind keine Angestellten. Sie übernehmen keine Verantwortung, kennen mein Unternehmen nicht aus eigenem Erleben und treffen keine geschäftlichen Entscheidungen an meiner Stelle.
Ich habe weiterhin kein Team.
Was ich habe, sind leistungsfähigere Werkzeuge und zunehmend agentische Systeme, die operative Aufgaben innerhalb definierter Grenzen selbstständig bearbeiten können.
Diese Unterscheidung ist mir wichtig, weil die Verantwortlichkeit dadurch klar bleibt. Wenn Codex eine schlechte technische Entscheidung trifft und ich sie ungeprüft produktiv ausrolle, liegt das Problem nicht bei einem imaginären Mitarbeiter. Es bleibt meine Entscheidung und meine Verantwortung.
Trotzdem entstehen Möglichkeiten, die früher mehrere Rollen benötigt hätten
Dass ich nicht von einem KI-Team sprechen möchte, bedeutet allerdings nicht, dass der praktische Effekt klein wäre.
Ich kann heute Aufgaben automatisieren, für die ein größeres Unternehmen tatsächlich unterschiedliche Rollen besitzen könnte. Ich kann Konzepte systematischer ausarbeiten, Code erzeugen und verändern, automatisierte Tests laufen lassen, technische Systeme administrieren und Teile meines Marketings oder meiner Content-Prozesse strukturieren.
Auf felderhoff.it geht es beispielsweise um meine Arbeit mit kleinen Unternehmen und deren IT, während netzwerk-ninjas.de einen völlig anderen Blick auf Heimnetze und private Nutzer besitzt. Parallel dazu entstehen auf endlich-montag.it Softwareprojekte und dieser Wissensbereich über meine eigene KI-Arbeitsweise.
Drei unterschiedliche Ausrichtungen bedeuten normalerweise auch drei unterschiedliche Mengen an Pflege, Inhalten und technischer Arbeit.
Dass ich solche Bereiche überhaupt gleichzeitig weiterentwickeln kann, hängt zunehmend mit Automatisierung zusammen.
Der Flaschenhals verschwindet nicht, er wandert
Je mehr operative Arbeit KI übernimmt, desto deutlicher wird allerdings, dass meine eigene Zeit weiterhin die Grenze des Systems bildet.
Nur an einer anderen Stelle.
Wenn Codex an einem Nachmittag zehn Aufgaben erledigen könnte, ich aber anschließend für jede davon eine halbe Stunde benötige, um überhaupt zu verstehen, was verändert wurde, ist die eigentliche Kapazität nicht besonders stark gewachsen.
Deshalb beschäftige ich mich so intensiv mit automatisierten Tests, klaren Aufgabenbeschreibungen und nachvollziehbaren Ergebnisberichten. Ich möchte nicht einfach möglichst viel Arbeit erzeugen lassen, sondern die Menge an manueller Kontrolle pro Aufgabe reduzieren, ohne dabei die Qualität aufzugeben.
Der Gartenstuhl-Test ist genau deshalb mehr als ein scherzhafter Name. Eine Aufgabe ist für mich erst wirklich weit automatisiert, wenn ich sie nach einer guten Vorbereitung starten kann und anschließend nur noch bei tatsächlichen Entscheidungen eingreifen muss.
Agenda soll meine Aufmerksamkeit gezielter einsetzen
Mit Agenda versuche ich diesen Gedanken noch einen Schritt weiterzuführen.
Nicht jede vorbereitete Aufgabe soll automatisch sofort ausgeführt werden. Manche hängen voneinander ab, andere benötigen eine Freigabe oder sind momentan schlicht nicht wichtig genug.
Agenda soll deshalb dafür sorgen, dass Arbeit nicht nur möglich, sondern kontrollierbar wird.
Dadurch kann ich deutlich mehr Themen vorbereiten, als ich gleichzeitig selbst bearbeiten könnte. Die eigentliche Umsetzung kann später erfolgen, ohne dass ich den gesamten Kontext wieder von vorne herstellen muss.
Langfristig wird für mich genau das entscheidend sein: nicht möglichst viele Aufgaben gleichzeitig zu starten, sondern die richtige Arbeit zur richtigen Zeit ausführen zu lassen und meine eigene Aufmerksamkeit nur dort einzusetzen, wo sie tatsächlich benötigt wird.
KI hilft mir besonders bei Tätigkeiten zwischen meinen eigentlichen Kernaufgaben
Ein interessantes Phänomen ist, dass nicht unbedingt die größten Einzelaufgaben den größten Zeitgewinn bringen.
Viele kleine Tätigkeiten summieren sich erheblich.
Eine technische Änderung recherchieren, eine Konfiguration prüfen, Inhalte strukturieren, eine Auswertung vorbereiten, einen bestehenden Prozess dokumentieren oder eine Idee in konkrete Anforderungen übersetzen – jede einzelne Aufgabe mag überschaubar sein, gemeinsam binden sie aber sehr viel Zeit.
Gerade hier ist KI für mich besonders wertvoll.
Wenn ich diese Zwischenarbeiten schneller erledigen oder teilweise vollständig delegieren kann, bleibt mehr Zeit für Kunden, Entscheidungen, Konzepte und die Dinge, bei denen mein eigenes Wissen tatsächlich den Unterschied macht.
Auch Unternehmensaufbau lässt sich dadurch experimenteller betreiben
Ein weiterer Effekt ist, dass Versuche billiger werden.
Wenn eine neue Idee früher mehrere Tage technische Umsetzung bedeutet hätte, musste ich relativ sicher sein, dass sich dieser Aufwand lohnt. Mit Codex kann ein kleiner Prototyp oder eine interne Funktion erheblich schneller entstehen.
Dadurch kann ich Dinge ausprobieren, bevor ich mich vollständig auf sie festlege.
Das gilt für Software genauso wie für interne Prozesse oder Websites.
Eine Idee kann erst konzeptionell mit ChatGPT geprüft, anschließend technisch in kleinem Rahmen umgesetzt und bei Bedarf wieder verworfen werden, ohne dass sofort ein großes Projekt daraus entsteht.
Diese Möglichkeit verändert für mich auch Unternehmensentwicklung. Ich kann mehr Hypothesen praktisch überprüfen, statt sie ausschließlich theoretisch zu diskutieren.
Mehr Kapazität bedeutet nicht automatisch mehr Fokus
Genau darin steckt allerdings auch eine Gefahr.
Wenn die Umsetzung billiger wird, kann man sehr leicht zu viele Dinge gleichzeitig anfangen.
Nur weil ich fünf Konzepte parallel vorbereiten und Codex mehrere Aufgaben gleichzeitig umsetzen lassen kann, bedeutet das nicht, dass mein Unternehmen dadurch automatisch besser wird.
Im Gegenteil: Mehr technische Kapazität kann fehlende Priorisierung sogar verschleiern.
Wenn jede Idee schnell ausprobiert werden kann, muss ich umso bewusster entscheiden, welche davon überhaupt relevant ist.
KI löst deshalb nicht das klassische Problem eines Einzelunternehmers, dass Zeit, Aufmerksamkeit und Geld begrenzt sind.
Sie verschiebt lediglich die Grenze dessen, was innerhalb dieser Begrenzungen technisch möglich wird.
Die wirtschaftlich interessante Frage lautet deshalb nicht „Wie viele Mitarbeiter ersetzt KI?“
Diese Betrachtung finde ich für meine Situation wenig hilfreich.
Ich hatte diese Mitarbeiter vorher nicht.
Die interessantere Frage lautet für mich:
Welche Arbeiten kann ich heute sinnvoll erledigen, die ich als Einzelunternehmer ohne diese Werkzeuge aus Zeitgründen entweder später oder gar nicht machen würde?
Das ist ein völlig anderer Maßstab.
Wenn ich durch KI einen Artikelprozess automatisieren kann, den ich sonst nicht wirtschaftlich betreiben könnte, ist das ein Gewinn.
Wenn ich ein internes Werkzeug entwickle, das mir langfristig Verwaltungsarbeit spart, ist das ein Gewinn.
Wenn Codex technische Routinearbeit übernimmt und ich stattdessen Zeit für ein Kundengespräch habe, ist das ebenfalls ein Gewinn.
Die KI ersetzt dabei niemanden.
Sie vergrößert meinen Handlungsspielraum.
Vielleicht liegt genau darin der größte Vorteil für kleine Unternehmen
Große Unternehmen konnten Arbeit schon immer stärker spezialisieren und parallelisieren, weil mehr Menschen verfügbar waren.
Ein Einzelunternehmer oder sehr kleines Unternehmen besitzt diese Möglichkeit naturgemäß nur begrenzt.
KI verändert diesen Unterschied ein Stück weit.
Nicht weil ein Mensch plötzlich zu zehn Menschen wird und auch nicht, weil sämtliche Aufgaben automatisierbar wären. Aber weil bestimmte operative Arbeiten nicht mehr vollständig an die persönliche Zeit des Unternehmers gekoppelt sein müssen.
Für mich ist das inzwischen einer der wichtigsten Gründe, warum ich mich so intensiv mit agentischen Systemen und später auch Multi-Agent-Strukturen beschäftige.
Die eigentliche Vision besteht nicht darin, möglichst viele KI-Agenten laufen zu lassen.
Ich möchte ein Unternehmen aufbauen, in dem meine persönliche Zeit möglichst selten für Arbeit verbraucht wird, die ein ausreichend gut vorbereiteter technischer Prozess genauso zuverlässig erledigen kann.
Meine Entscheidungen, meine Verantwortung und der Kontakt zu Menschen bleiben bei mir.
Bei der Fleißarbeit darf die Technik dagegen gerne helfen.