Wer sich länger mit Genealogie beschäftigt, sammelt irgendwann wesentlich mehr als Namen, Geburtsdaten und verwandtschaftliche Beziehungen. Alte Fotos tauchen auf, Dokumente werden digitalisiert, Wohnorte verändern sich über Generationen hinweg und aus einzelnen Datenpunkten entsteht langsam die Geschichte einer Familie. Der klassische Stammbaum kann viele dieser Informationen aufnehmen oder zumindest referenzieren, stellt aber zwangsläufig vor allem die Verwandtschaftsbeziehungen in den Mittelpunkt.
Mich interessiert deshalb eine andere Frage: Was passiert, wenn man den vorhandenen Stammbaum nicht ersetzt, sondern ihn als Grundlage nimmt und die Familiengeschichte um die Dimensionen ergänzt, die in einer klassischen Baumdarstellung nur schwer sichtbar werden?
Genau daraus ist Linea entstanden. Das Projekt soll nicht das nächste Programm werden, in dem du Geburtsdatum, Heirat und Eltern-Kind-Beziehung noch einmal neu eintippst. Linea setzt auf vorhandenen genealogischen Daten auf und versucht, daraus etwas zu machen, das näher an den tatsächlichen Lebensgeschichten der Menschen liegt.
Ein Stammbaum zeigt Verwandtschaft, aber noch kein Leben
Ein Stammbaum beantwortet eine sehr wichtige Frage ausgesprochen gut: Wer gehört zu wem? Über mehrere Generationen entsteht daraus eine Struktur, in der Eltern, Kinder, Geschwister und weitere verwandtschaftliche Beziehungen nachvollziehbar werden.
Was dabei wesentlich schwieriger sichtbar wird, ist das Leben zwischen den Datenpunkten. Eine Person, die 1887 geboren wurde und 1964 gestorben ist, bestand schließlich nicht aus zwei Jahreszahlen und einem Namen. Sie lebte an bestimmten Orten, zog vielleicht mehrfach um, gründete eine Familie, arbeitete in einem Beruf, erlebte historische Ereignisse und hinterließ Fotos, Briefe oder andere Dokumente.
Genau diese Informationen machen Familiengeschichte für mich interessant. Die Verwandtschaft bildet das Gerüst, aber erst die zusätzlichen Zusammenhänge geben diesem Gerüst Inhalt.
Linea soll deshalb vorhandene genealogische Daten nicht nur als Baum, sondern als Ausgangspunkt für weitere Perspektiven verwenden.
Vorhandene GEDCOM-Daten sollen die Grundlage bleiben
Wer bereits ernsthaft Ahnenforschung betreibt, hat häufig viel Arbeit in ein bestehendes Genealogieprogramm investiert. Personen wurden erfasst, Beziehungen korrigiert, Quellen ergänzt und Daten über Jahre gepflegt. Es wäre wenig sinnvoll, für eine zusätzliche Darstellung all diese Informationen noch einmal manuell eingeben zu müssen.
Deshalb ist Linea nicht als eigener vollständiger Genealogieeditor gedacht. Bestehende Daten sollen über GEDCOM übernommen werden können, während die eigentliche genealogische Pflege weiterhin dort stattfinden kann, wo sie bereits funktioniert.
Diese Trennung gefällt mir, weil sie zwei unterschiedliche Aufgaben nicht künstlich miteinander vermischt. Eine Software kann sehr gut darin sein, genealogische Daten zu erfassen und zu verwalten, ohne gleichzeitig die beste Möglichkeit zu bieten, diese Daten als Familiengeschichte zu erleben.
Linea konzentriert sich auf den zweiten Teil.
Auch im Vergleich mit meinen anderen Projekten Sara und Kosmos ist genau diese klare Problemstellung interessant, weil die technische Umsetzung erst aus der Frage entstanden ist, welche Perspektive auf vorhandene Daten bisher fehlt.
Fotos sollten mehr sein als Anhänge an einer Person
Alte Familienfotos besitzen häufig einen ganz anderen emotionalen Wert als ein Datensatz mit Geburts- und Sterbedatum. Gleichzeitig entstehen bei einer größeren Fotosammlung schnell neue Fragen: Wer ist auf welchem Bild zu sehen, wann könnte die Aufnahme entstanden sein und wie hängen die abgebildeten Personen miteinander zusammen?
Deshalb gehört die Verbindung von Personen und Fotos für mich zu den wichtigen Teilen von Linea. Gesichtserkennung kann dabei helfen, wiederkehrende Personen in einer Fotosammlung zuzuordnen und Zusammenhänge sichtbar zu machen, die bei rein manueller Sichtung leicht übersehen werden.
Dabei darf eine automatische Erkennung natürlich nicht zur historischen Wahrheit erklärt werden. Gerade bei alten Bildern, schlechten Scans oder ähnlichen Gesichtern bleiben Unsicherheiten bestehen. Interessant ist für mich vielmehr, KI und Bildanalyse als Werkzeug zu verwenden, um Hinweise zu liefern und die vorhandene Sammlung besser erschließbar zu machen.
Der eigentliche Wert entsteht nicht dadurch, dass eine KI einen Namen neben ein Gesicht schreibt, sondern dadurch, dass ein Foto wieder in einen familiären und zeitlichen Zusammenhang eingeordnet werden kann.
Orte erzählen Familiengeschichte auf eine völlig andere Weise
Eine weitere Perspektive entsteht über Orte. In einer normalen Stammbaumdarstellung tauchen Geburts-, Wohn-, Heirats- und Sterbeorte häufig nur als Eigenschaften einzelner Personen auf. Betrachtet man dieselben Informationen auf einer Karte und ergänzt sie um eine zeitliche Dimension, wird plötzlich eine ganz andere Geschichte sichtbar.
Familien bleiben über mehrere Generationen in einer Region, einzelne Zweige wandern ab, neue Orte kommen hinzu und historische Veränderungen werden räumlich nachvollziehbar. Besonders interessant wird das für mich mit einem Datumsschieber, über den sich Wanderungsbewegungen über die Zeit betrachten lassen.
Dann wird aus einer Liste von Ortsnamen eine Bewegung.
Man kann beispielsweise erkennen, wann ein Familienzweig eine Region verlassen hat, wo sich mehrere Linien später wieder begegnen oder wie weit sich eine ursprünglich sehr lokale Familie innerhalb weniger Generationen verteilt hat.
Das sind Informationen, die bereits in den genealogischen Daten stecken können, in einer klassischen Baumdarstellung aber kaum auffallen.
Zeitlinien verbinden Menschen miteinander und mit ihrer Epoche
Ähnlich verhält es sich mit Zeit.
Wenn mehrere Personen gleichzeitig auf einer Zeitachse dargestellt werden, werden Lebensspannen unmittelbar vergleichbar. Plötzlich wird sichtbar, welche Generationen sich tatsächlich noch persönlich gekannt haben könnten, wer bei der Geburt eines anderen Familienmitglieds noch lebte oder welche Personen denselben historischen Zeitraum erlebt haben.
Zusätzlich lassen sich historische Ereignisse einordnen. Dadurch bekommt ein individuelles Lebensdatum einen größeren Zusammenhang, ohne dass daraus automatisch behauptet wird, ein Ereignis habe das Leben einer bestimmten Person tatsächlich beeinflusst.
Genau diese Unterscheidung ist mir wichtig. Historische Ereignisse schaffen Kontext, aber die Software darf daraus keine Biografie erfinden, für die es keine Quellen gibt.
Genealogie weiterzudenken bedeutet für mich deshalb nicht, vorhandene Daten möglichst fantasievoll auszuschmücken, sondern sie in Zusammenhänge zu stellen, die aus den vorhandenen Informationen tatsächlich ableitbar sind.
Eine Personenseite kann aus Daten eine Geschichte machen
Die einzelnen Perspektiven sollen letztlich auf Personenseiten zusammenlaufen. Dort kann eine Person nicht nur als Knoten innerhalb eines Stammbaums erscheinen, sondern mit ihren Lebensdaten, Orten, Beziehungen, Fotos, Dokumenten und zeitlichen Zusammenhängen dargestellt werden.
Dadurch verändert sich auch die Art, wie man durch eine Familiengeschichte navigiert. Statt ausschließlich von Eltern zu Kindern oder von Generation zu Generation zu springen, kann man einer Person folgen, einen Ort untersuchen, über ein Foto weitere Menschen entdecken oder einen bestimmten Zeitraum betrachten.
Für mich ist das der eigentliche Kern von Linea.
Der Stammbaum bleibt wichtig, aber er wird zu einem von mehreren Zugängen zu denselben Menschen.
Die Herausforderung liegt weniger in der Menge der Daten als in ihren Beziehungen
Technisch lässt sich eine Sammlung aus Personen, Fotos, Orten und Dokumenten relativ leicht als Datenbestand beschreiben. Interessant wird das Projekt erst dadurch, dass diese Informationen miteinander verbunden werden müssen, ohne dabei Zusammenhänge zu behaupten, die nicht belegt sind.
Ein Foto kann eindeutig einer Person zugeordnet sein oder nur vermutlich. Ein historischer Ort kann heute anders heißen als zum Zeitpunkt des Ereignisses. Ein Dokument kann mehrere Menschen betreffen, während eine Wanderungsbewegung erst aus mehreren einzelnen Ortsangaben sichtbar wird.
Genau solche Unsicherheiten gehören aus meiner Sicht zu einer ernsthaften Genealogieanwendung dazu. Eine Software sollte nicht versuchen, jede Lücke mit einer vermeintlich eindeutigen Antwort zu füllen, sondern sichtbar machen können, was bekannt, vermutet oder schlicht noch ungeklärt ist.
Diese Haltung spielt auch bei meinem Oma-Test für verständliche Software eine Rolle: Eine Oberfläche muss nicht nur viele Informationen zeigen können, sondern deutlich machen, was diese Informationen bedeuten und wie sicher sie überhaupt sind.
Linea ist damit keine Konkurrenz zum vorhandenen Stammbaum
Für mich wäre Linea falsch verstanden, wenn es lediglich als weiteres Programm zum Erstellen eines Stammbaums betrachtet würde. Genau diese Aufgabe möchte ich nicht noch einmal lösen.
Der vorhandene Stammbaum liefert das genealogische Fundament.
Linea soll darauf aufbauen und Fragen beantworten, die mit einer reinen Baumstruktur schwieriger werden: Wo lebten diese Menschen? Welche Generationen überschnitten sich? Welche Fotos und Dokumente gehören zu einer Person? Welche Bewegungen werden über mehrere Generationen sichtbar und wie lassen sich einzelne Lebensgeschichten in den größeren familiären Zusammenhang einordnen?
Deshalb passt „Genealogie weiter gedacht“ für mich ziemlich gut.
Nicht, weil der klassische Stammbaum überholt wäre, sondern weil er nur eine mögliche Darstellung derselben Familiengeschichte ist.
Wenn du selbst eine größere GEDCOM-Sammlung besitzt und irgendwann festgestellt hast, dass darin inzwischen deutlich mehr Geschichte steckt, als ein Stammbaum auf einmal zeigen kann, ist genau diese Grenze für mich besonders interessant. Linea entsteht letztlich aus der Frage, wie sich vorhandene Familienforschung so darstellen lässt, dass aus Daten wieder Menschen, Orte und Lebenswege werden.