Für die Benutzerfreundlichkeit einer Software habe ich einen sehr einfachen persönlichen Maßstab, den ich den Oma-Test nenne. Die Frage dahinter lautet: Könnte eine klassische Oma, die mit IT nicht beruflich zu tun hat, zumindest grundsätzlich verstehen, worum es in dieser Anwendung geht und was sie damit tun kann?
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, ältere Menschen für technisch unfähig zu halten. Meine Oma steht in diesem Bild einfach für einen Menschen, der die internen Begriffe, technischen Zusammenhänge und Denkweisen der Entwicklung nicht kennt.
Genau deshalb finde ich diese Frage hilfreich.
Wenn eine Anwendung nur deshalb verständlich erscheint, weil ich selbst ihre Architektur kenne, ihre Funktionen entwickelt habe und weiß, was sich hinter jedem Begriff verbirgt, ist das noch kein besonders überzeugender Beweis für eine gute Benutzeroberfläche.
Ich kenne als Entwickler viel zu viel
Das grundlegende Problem beginnt damit, dass ich meine eigene Software nie so sehen kann wie jemand, der sie zum ersten Mal öffnet.
Ich weiß, warum ein bestimmter Button existiert. Ich kenne die Bedeutung eines Status. Ich weiß, welche Reihenfolge bei einem Vorgang vorgesehen ist und warum eine bestimmte Information an einer bestimmten Stelle angezeigt wird.
Dadurch überspringt mein Kopf beim Benutzen der Anwendung ständig Erklärungen, die ein anderer Mensch möglicherweise benötigt.
Meine Erfahrungen aus dem Helpdesk haben mir besonders deutlich gezeigt, wie groß dieser Unterschied sein kann. Dinge, die bei der Entwicklung vollkommen offensichtlich wirken, sind für Benutzer häufig alles andere als selbstverständlich.
Der Oma-Test zwingt mich deshalb dazu, für einen Moment so zu tun, als wüsste ich all diese Dinge nicht.
Die erste Frage lautet nicht: Kann sie jede Funktion bedienen?
Der Oma-Test bedeutet für mich nicht, dass jede komplexe Anwendung ohne Einarbeitung vollständig bedienbar sein muss.
Das wäre bei vielen technischen Systemen unrealistisch.
Wenn ich beispielsweise eine Anwendung zur Administration eines Netzwerks öffne, darf sie durchaus Fachwissen voraussetzen. Ein Mensch ohne Netzwerkkenntnisse muss nicht spontan jede Firewallregel konfigurieren können.
Trotzdem sollte möglichst verständlich sein, worum es grundsätzlich geht.
Welche Aufgabe erfüllt diese Anwendung?
Was ist hier dargestellt?
Welche Bereiche sind wichtig?
Was kann ich an dieser Stelle tun?
Und wenn ich etwas anklicke: Kann ich zumindest grob vorhersehen, was passieren wird?
Eine komplexe Software darf komplexe Aufgaben lösen. Sie sollte ihre Komplexität aber nicht unnötig dadurch erhöhen, dass ihre Oberfläche nur für die Person verständlich ist, die sie gebaut hat.
Technische Begriffe sind nicht automatisch das Problem
Ich möchte dabei auch nicht jeden Fachbegriff aus einer Anwendung verbannen.
Manche Begriffe sind fachlich korrekt und notwendig. Wenn ein Netzwerkadministrator mit VLANs arbeitet, bringt es wenig, dafür künstlich eine freundlich klingende Umschreibung zu erfinden, die am Ende ungenauer ist als der eigentliche Begriff.
Entscheidend ist für mich eher, ob die Begriffe dort eingesetzt werden, wo sie zur Zielgruppe passen, und ob der Zusammenhang verständlich bleibt.
Eine Software kann technisch präzise sein und trotzdem gut erklären, was gerade passiert.
Problematisch wird es dort, wo interne Entwicklerbegriffe ungefiltert in der Oberfläche landen, obwohl sie für den Benutzer keinerlei Bedeutung haben.
Fehlermeldungen bestehen den Oma-Test besonders selten
Ein Bereich, in dem der Test schnell interessant wird, sind Fehlermeldungen.
Eine Meldung wie „NullReferenceException“ kann für die Entwicklung sehr nützlich sein, sagt einem normalen Benutzer aber praktisch nichts.
Auch deutlich freundlichere Meldungen können am eigentlichen Problem vorbeigehen, wenn sie lediglich beschreiben, was fehlgeschlagen ist, aber nicht erklären, was der Benutzer jetzt tun kann.
Eine gute Fehlermeldung sollte für mich deshalb möglichst drei Dinge beantworten:
Was ist passiert?
Was bedeutet das für mich?
Was kann ich jetzt tun?
Nicht jede Fehlersituation erlaubt darauf eine perfekte Antwort. Trotzdem ist diese Perspektive hilfreich, weil eine technisch korrekte Meldung noch lange keine brauchbare Meldung sein muss.
Der Test passt gut zu meiner heutigen KI-Entwicklung
Mit Codex wird dieser Gedanke für mich noch wichtiger.
KI kann sehr schnell funktionierende Benutzeroberflächen erzeugen, und genau darin steckt ein Risiko. Eine Oberfläche kann technisch vollständig sein, alle vorgesehenen Elemente enthalten und trotzdem nicht besonders verständlich wirken.
Wenn Codex eine Spezifikation umsetzt, kennt es zudem dieselben Begriffe, Strukturen und fachlichen Beschreibungen, aus denen die Funktion entstanden ist. Dadurch besteht die Gefahr, dass diese interne Sprache direkt in der Oberfläche wieder auftaucht.
Ich möchte deshalb bei der Abnahme nicht nur prüfen, ob alle Funktionen vorhanden sind.
Ich möchte auch fragen:
Würde jemand, der unsere vorherige Diskussion nicht gelesen hat, verstehen, was hier passiert?
Das ist im Grunde der Oma-Test für KI-generierte Oberflächen.
Auch ChatGPT kann beim Perspektivwechsel helfen
Weil ich meine eigene Anwendung nicht wirklich vergessen kann, kann KI an dieser Stelle sogar in die andere Richtung helfen.
Ich kann eine Oberfläche oder einen Ablauf beschreiben und ausdrücklich danach fragen, welche Begriffe voraussetzungsreich sind, welche Handlung unklar wirken könnte oder an welcher Stelle ein unerfahrener Benutzer wahrscheinlich zögern würde.
Das ersetzt keine echten Benutzertests.
Eine KI ist schließlich ebenfalls kein echter Mensch, der zum ersten Mal vor der Anwendung sitzt.
Sie kann mir aber zusätzliche Fragen liefern, auf die ich selbst aufgrund meines Vorwissens vielleicht gar nicht gekommen wäre.
Damit ähnelt der Prozess ein Stück weit meinen automatisierten Tests, nur dass nicht die technische Funktion angegriffen wird, sondern die Verständlichkeit.
Manchmal sollte die Oma auch scheitern dürfen
Der Oma-Test darf nicht zu dem Missverständnis führen, dass jede Software für jeden Menschen bedienbar sein muss.
Eine komplexe Buchhaltungssoftware, eine Entwicklungsumgebung oder ein professionelles Netzwerkwerkzeug benötigt Fachwissen. Daran ist nichts grundsätzlich falsch.
Der Test lautet deshalb nicht:
„Kann meine Oma alles bedienen?“
Sondern eher:
„Kann ein Mensch ohne mein internes Wissen erkennen, was diese Oberfläche von ihm erwartet?“
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Eine Fachanwendung darf Fachwissen verlangen.
Sie sollte aber möglichst nicht zusätzlich verlangen, dass der Benutzer die Gedanken des Entwicklers errät.
Der Test ist bewusst simpel
Natürlich gibt es professionelle Methoden für Usability-Tests, UX-Research und die Bewertung von Benutzeroberflächen. Der Oma-Test ersetzt nichts davon.
Ich mag ihn gerade deshalb, weil er so simpel ist.
Er passt in jede kleine Entscheidung.
Ist dieser Button verständlich?
Ist klar, welche Auswirkung diese Einstellung hat?
Erkennt man, welcher Schritt als Nächstes notwendig ist?
Versteht jemand die Meldung, ohne vorher den Quellcode gelesen zu haben?
Wenn ich bei einer dieser Fragen ins Erklären gerate und erst mehrere Sätze benötige, damit die Oberfläche verständlich wird, liegt das Problem möglicherweise nicht beim Benutzer.
Dann sollte ich noch einmal auf die Oberfläche schauen.
Gute Software erklärt möglichst viel durch ihr Verhalten
Mein Ideal ist nicht eine Anwendung, die für jede Funktion eine lange Anleitung benötigt, sondern eine Oberfläche, bei der möglichst viel aus Aufbau, Benennung und Rückmeldung verständlich wird.
Eine Aktion sollte nachvollziehbare Folgen haben. Ein Status sollte möglichst das ausdrücken, was er tatsächlich bedeutet. Eine Fehlermeldung sollte nicht nur technisch korrekt, sondern hilfreich sein, und wichtige Funktionen sollten dort zu finden sein, wo ein Benutzer sie vernünftigerweise erwarten würde.
Das klingt selbstverständlich.
In der Entwicklung ist es das erstaunlich oft nicht.
Gerade wenn man allein arbeitet und dieselbe Software über lange Zeit immer besser kennt, wächst der Abstand zwischen dem eigenen Verständnis und dem eines neuen Benutzers fast automatisch.
Der Oma-Test ist für mich eine einfache Methode, mich regelmäßig daran zu erinnern.
Nicht jeder Mensch kennt meine Software.
Und das sollte auch nicht notwendig sein, um zumindest zu verstehen, was sie von ihm möchte.